S. 27 / Nr. 7 Obligationenrecht (d)

BGE 60 II 27

7. Auszug aus dem Urteil der I. Zivilabteilung vom 6. Februar 1934 i. S.
Büttig gegen Schindler & Co.

Regeste:
Rückforderung des Geleisteten beim Rucktritt vom Vertrag nach Art. 109 Abs. 1
OR. Anwendung der zehnjährigen Verjährungsfrist.

Aus den Erwägungen:
6.- Wer vom Vertrage zurücktritt, kann das Geleistete zurückfordern und
überdies Ersatz des aus dem Dahinfallen des Vertrages erwachsenen Schadens
verlangen, sofern der Schuldner nicht nachweist, dass ihm keinerlei
Verschulden zur Last falle. Art. 109 OR.
Gegenüber der Rückforderung der Anzahlung von 1625 Fr. hat die Beklagte jedoch
die Einrede der Verjährong erhoben. Der Anspruch sei ein solcher aus
ungerechtiertigter Bereicherung, und zwar eine condictio ob causam finitam,
für welche die einjährige Verjährungsfrist des Art. 67 Abs. 1 OR gelte (von
TUHR OR I S. 383, II S. 551). Die Vorinstanz hat die Verjährungseinrede
gutgeheissen. Es kann ihr jedoch nicht beigepflichtet werden, da auf den
Rückforderungsanspruch gemäss

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Art. 109 Abs. 1 OR die zehnjährige Verjährungsfrist anzuwenden ist. Die
bereits vollzogene Leistung erscheint nach dem Rücktritt allerdings als
grundlos, und das Bundesgericht hat schon unter der Herrschaft des alten
Obligationenrechtes den in dessen Artikel 124 gewährten Rückforderungsanspruch
für das Geleistete als condictio sine causa bezeichnet (BGE 25 II S. 399,
HAFNER, Nr. 1 zu Art. 124 aOR). Allein wenn der Gesetzgeber in Art. 109 Abs. 1
(aOR Art. 124) nicht einfach auf die Bestimmungen über die ungerechtfertigte
Bereicherung verwiesen, sondern einen selbständigen gesetzlichen Anspruch auf
Rückerstattung des Geleisteten gewährt hat, so hat das einen guten Sinn, und
auf Art. 62 Abs. 2 OR wäre nur zurückzugreifen, wenn sich der Anspruch nicht
aus Art. 109 ableiten liesse (so auch von TUHR OR II S. 551). Es ist nämlich
nicht einzusehen, wieso für die Ansprüche, welche Art. 109 dem Zurücktretenden
verleiht, nicht dieselbe Verjährungsfrist gelten soll und wieso gar der
Schadenersatzanspruch normalerweise noch nicht verjährt sein soll, während der
Rückforderungsanspruch, der nicht an die Voraussetzung eines Verschuldens des
Schuldners geknüpft ist und der doch als der primäre erscheint, schon verjährt
ist. Dass der Schadenersatzanspruch auf Grund von Art. 109 Abs. 2 der
zehnjährigen Verjährong und nicht der einjährigen des Art. 60 OR unterworfen
ist, wird allgemein anerkannt (von TUHR OR II S. 552, BECKER, Kommentar N. 3
zu Art. 109). Die theoretische Schwierigkeit, die darin besteht, dass ein
Anspruch als vertraglicher dargestellt werden soll, während der Vertrag schon
dahingefallen ist, verhält sich aber beim Schadenersatzanspruch nicht anders
als beim Rückforderungsanspruch, und wenn der Anspruch auf Schadenersatz, der
aus einem durch Rücktritt bereits aufgehobenen Vertrag entspringt, deshalb
nach den Grundsätzen über die Vertragsverletzung behandelt wird, weil er
mittelbar auf einem vertragswidrigen Benehmen des Schuldners beruht (von TUHR
OR I S. 552), so trifft diese Erwägung

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auch für den Rückforderungsanspruch zu. Es mag auch darauf hingeweisen werden,
dass zum negativen Interesse, welches der Gläubiger nach Art. 109 Abs. 2 bei
Verschulden des Schuldners verlangen kann, auch der Ersatz für die allenfalls
durch Zufall bereits untergegangene Leistung einer bestimmten Sache gehört
(OSER-SOHÖNENBERGER N. 7 zu Art. 109 OR, von TUHR OR II S. 552), dass es aber
gewiss widersinnig wäre, wenn der Gläubiger seinen Anspruch länger behalten
sollte, wenn die geleistete Sache durch Zufall untergegangen ist, als wenn sie
noch in natura vorhanden ist. Ferner ist nicht zu übersehen, dass auch bei der
Rückforderung aus Entwehrung (Art. 195 OR), aus Wandelung (Art. 208 OR) und
bei ausbedungenem Rücktrittsrecht nicht die kurze Verjährung des Art. 67 OR
gilt (von TUHR OR I S. 383), dass aber eine Unterscheidung, namentlich auch
zwischen gesetzlichem und vertraglichem Rücktritt, die auch das deutsche Recht
nicht macht (BGB § 327, 346, ENECCERUS, Lehrbuch S. 150), nicht gerechtfertigt
wäre. Die Einwendung, dass der durch Art. 109 Abs. 1 verliehene
Rückforderongsanspruch jedenfalls inhaltlich ein reiner Bereicherungsanspruch
sei, hält ebenfalls nicht stand, denn die Bereicherungsgrundsätze sind nur zur
Berechnung heranzuziehen und bei Leistung einer Sache nur wenn die Sache nicht
mehr in natura zurückgegeben werden kann (BGE 57 II S. 323, BECKER Nr. 2, OSER
N. 4 zu Art. 109). Der Rückforderungsanspruch nach Art. 109 Abs. 1 verjährt
also wie der Schadenersatzanspruch auf Grund von Art. 109 Abs. 2 erst in zehn
Jahren, und der Grund liegt bei beiden Ansprüchen darin, dass der
Vertragsgegner des ein gesetzliches Rücktrittsrecht Ausübenden seinen ihm
obliegenden vertraglichen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist (ENECCERUS,
Lehrbuch S. 150); «der Schuldvertrag behält also eine auf Rückgängigmachung
seiner bisherigen Wirkungen gerichtete Wirkungskraft» (GIERKE, Deutsches
Privatrecht III S. 308). Die Einrede der Verjährung ist daher abzuweisen.
Entscheidinformationen   •   DEFRITEN
Entscheid : 60 II 27
Datum : 31. Dezember 1934
Publiziert : 06. Februar 1934
Gericht : Bundesgericht
Status : 60 II 27
Sachgebiet : BGE - Zivilrecht
Regeste : Rückforderung des Geleisteten beim Rucktritt vom Vertrag nach Art. 109 Abs. 1 OR. Anwendung der...


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BGE Register
25-II-396 • 57-II-315 • 60-II-27
Gesetzesregister
OR: 60, 62, 67, 109, 195, 208